"DDR war keine Kuscheldiktatur"
(11.09.2008)
Der Sächsische Landtag hat sich am Donnerstag auf Antrag der FDP-Fraktion mit der Behandlung des Themas DDR im Schulunterricht befasst. Der bildungspolitische Sprecher der FDP, Herbst, beklagte, dass laut jüngst veröffentlichter Studien noch nicht einmal jeder zweite ostdeutsche Schüler die DDR als Diktatur sehe. Schule und Gesellschaft hätten bei der Vermittlung von Wissen über die DDR versagt. In manchen "Ostalgie-Shows" im Fernsehen werde die DDR als schräge Kuscheldiktator zwischen Vita-Cola, Knusperflocken und Trabant dargestellt. "Mancher Stasi-Spitzel rühmt sich heute wieder selbstbewusst seiner Taten. Selbst Landtagsabgeordnete wie Volker Külow besuchen ohne Skrupel Veteranenveranstaltungen der Stasi." In der Schule dürfe DDR-Geschichte nicht lediglich als ein Randereignis in den Lehrplänen vorkommen, sondern müsse ein Schwerpunkt werden. "Wer den Wert der Demokratie vermitteln und Extremismus verhindern will, muss auch mehr über das menschenverachtende Regime in der DDR informieren."
Die CDU-Fraktion sprach sich dafür aus, an der Universität Leipzig eine Professur zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte einzurichten. Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sollten dann für die Lehrerausbildung nutzbar gemacht werden. "In den Köpfen junger Menschen darf sich das Bild eines sozial verklärten und politisch verharmlosten DDR-Staates nicht verfestigen", sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU, Thomas Colditz.
Vor einer Reduzierung der DDR auf Ministerium für Staatssicherheit und Gefängnisse warnte die Linkspartei. Die Abgeordnete Falken sagte: "Ich bin in der DDR geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe studiert (ich komme aus einer Bauernfamilie), als Lehrerin gearbeitet, geheiratet, zwei Kinder bekommen." Sie sei stolz auf ihre geleistete Arbeit und auf ihre Familie, derer sie sich nicht schämen müsse. Frau Falken warf der FDP vor, dem Image der Lehrer mit der Debatte zu schaden. Ihre Fraktionskollegin Bonk sagte, man stimme darin überein, "dass das System von Repression und unterdrückter Meinung der DDR zutiefst abzulehnen ist". Die Geschichtsstudentin kritisierte allerdings die Bezeichnung "zweite Diktatur" für die DDR. Die sächsische Landeszentrale für politische Bildung beschäftige sich weitaus mehr mit dem Thema "Unterdrückung in der DDR" als mit irgendeinem anderen. Das "offizielle Geschichtsbild" unterscheide sich von den Erfahrungen und in der Gesellschaft weitergegebenen Bildern, es sei oberflächlich und leicht durchschaubar. "Der einzige Gründungsmythos, den sie anzubieten haben, ist die Abwertung des Vergangenen", sagte Frau Bonk.
Der Abgeordnete Gerstenberg (Grüne) forderte eine offene Diskussion sowohl über "Stasiknast" als auch über den DDR- Lebensalltag. Es sei wichtig, über die alltäglichen Unterdrückungsmechanismen in der Diktatur zu sprechen. "Wir erinnern uns an die tägliche Angst, die Meinung frei zu äußern. Wir erinnern uns an das ständige Misstrauen, wer gerade zuhört."
(Quelle: FAZ Online vom 11.09.2008)